Pros

Der Überlebenskampf

München

Den Weg ganz nach oben schaffen nur die Wenigsten. Statt um prallgefüllte Konten und Glamourleben geht es in den unteren Golfligen ums nackte Überleben. Christoph Günther (36) weiß, wovon er spricht: Seit einem Jahrzehnt pendelt er als Golfprofi zwischen EPD- und Challenge- Tour, dabei klopfte er oft an die Tür der European Tour. Einlass fand er jedoch nie.

624.569 Golfer, mehr als 700 Plätze – statistisch gehört Deutschland zu den Golf-Topnationen in Europa. Und doch steht eine zentrale Frage immer wieder im Raum: Warum schaffen es nicht mehr deutsche Pros auf die großen Touren? Der Verband als Bremse, falsche Strukturen in der Nachwuchsarbeit, das generelle In-Deutschland-geht’s-allenzu- gut-Argument – all das blöken die Kritiker als erstes raus auf die Frage nach den Gründen. Doch gibt es Menschen, die sich näher mit der Thematik auseinandergesetzt haben oder es tun mussten. Christoph Günther ist so einer. Seit 1995 versucht er sich als Pro in der Zweit- und Drittklassigkeit, verdient dort seinen Lebensunterhalt. Über den Status des reichen, verwöhnten Söhnchens, das als Zeitvertreib das Ziel Golf-Profi ausgegeben hat, ist der 36-Jährige längst hinaus. Vielmehr hat er am eigenen Leib erlebt, wie es ist, den angeblichen Traumberuf auszuüben. „Irgendwann würde ich auch gerne mal aufwachen ohne die Sorge, überlegen zu müssen, ob ich 2000 Euro für einen Flug zu einem Turnier nach Kolumbien ausgeben kann.“ Der gebürtige Göttinger, der mittlerweile im oberbayerischen Oberammergau sein „perfektes Refugium“ gefunden hat, spricht ganz offen über das Profi-Dasein. „Jedes Jahr im Januar und Februar nichts auf dem Konto zu haben, kotzt mich an.“ Ans Aufhören hat er schon einige Male gedacht. Zuletzt 2010, nachdem er sich von seiner langjährigen Freundin getrennt hatte. „Statt Familie, Haus bauen und Kinder führst du auf einmal ein totales Vagabunden-Leben, hast kein richtiges Zuhause.“ Auch Erfolglosigkeit trieb ihn in die Sinnkrise. Dreimal hat er sich schon für die zweitklassige Challenge Tour qualifiziert. 2001 und 2004 wurde er furchtbar abgewatscht. „Ich hatte keinen einzigen Cut geschafft. Da verlierst du leicht die Lust am Golfen.“ Erst 2009 gelang ihm der Durchbruch in der zweiten Liga: Günther gewann ein Turnier in Kärnten, verdiente durch zahlreiche gute Platzierungen 54.000 Euro Brutto und kam unter die Top 25 der Rangliste. „Doch auch damit konnte ich gerade die Reisekosten zahlen, hab‘ kein Plus gemacht.“

„Wenn du die Challenge Tour vernünftig angehst mit Caddie für die rund 20 Turniere, dann brauchst du rund 40.000 bis 45.000 Euro.“

Womit das erste Problem auf dem Weg zum Tour-Pro beschrieben ist: Geld. „Wenn du die Challenge Tour vernünftig angehst mit Caddie für die rund 20 Turniere, dann brauchst du rund 40.000 bis 45.000 Euro.“ Günther spricht aus Erfahrung. „Solltest du aber wirklich so viel verdienen, dann hast du eigentlich schon die Karte für die European Tour.“ Versteht sich, dass dies ein schwieriges Unterfangen ist. „Willst du wenigstens eine gute Kategorie für die nächste Saison, musst du unter die Top 80 und brauchst rund 17.000 Euro.“ Erscheint machbarer. Nur: „Dann hast du schon mindestens 25.000 Euro Minus gemacht.“ Ein Teufelskreis.

"Aber in der Presse heißt es sofort: Die treffen den Ball nicht.“

Nur wieso kommen die deutschen Pros überhaupt in diese Drucksituationen? Günther hat sich an seinem eigenen Beispiel schon viele Gedanken gemacht. „Viele geben zu schnell auf“, behauptet er. „Die Jungs setzen sich irgendein Zeitlimit, sagen, sie müssen es bis 30 geschafft haben.“ Er selbst bezeichnet sich als „Spätzünder“. „Ich habe erst mit neun Jahren angefangen, mit 19 noch Handicap 6 gehabt, meine erste Runde unter Par mit 21 gespielt.“ Da sind heutzutage etliche bereits mit den Nerven am Ende. Auch Bernd Ritthammer, der heuer den Sprung auf die European Tour geschafft hat, sei es so ergangen, erzählt Günther. „Vor drei Jahren hat er mir gesagt, er hört auf. Ich habe dann lange auf ihn eingeredet, und er hat weitergemacht. Letztes Jahr hat er sich tatsächlich dafür bedankt.“

Doch es liegt nicht nur an den Sportlern selbst. Auch die Voraussetzungen in Deutschland bewertet Günther als nicht ideal. Die Qualität der Plätze zum Beispiel. „Dadurch dass sie bei uns vielfach so schlecht sind, werden die jungen Spieler nicht besser.“ Die Situation auf der drittklassigen EPD-Tour, die er für den Einstieg grundsätzlich als große Errungenschaft preist, kennt er bestens. „Die Plätze sind zu einfach. Und warum? Weil die Clubs nicht bereit sind, vier Wochen im Vorfeld das Rough stehen zu lassen, weil sonst die Mitglieder klagen.“ Wie die Pros dann die Rechnung dafür bekommen, schildert er an einem Beispiel. „Warum schneiden denn die Deutschen, die nicht auf der European Tour spielen, bei den BMW Open bis auf Ausnahmen immer so schlecht ab? Weil in Eichenried so schwierige Bedingungen herrschen, wie wir sie sonst das ganze Jahr nicht haben. Aber in der Presse heißt es sofort: Die treffen den Ball nicht.“

Auch über die Qualität der Golflehrer fällt er ein hartes Urteil: „Die Wenigsten können ihren Schülern überhaupt erklären, wie sie den Ball richtig treffen. Bei ProAms merke ich das immer wieder, wenn ich mit den Flightpartnern rede.“Trotz all der Widrigkeiten hat Günther noch nicht aufgegeben. Turniere wie die Austrian Open im vergangenen Jahr sind es, die ihn bei der Stange halten. Da überstand er erstmals einen Cut auf der European Tour, belegte am Ende Rang 19. „Ich merke bei mir einfach, dass ich mein Potenzial noch nicht ausgereizt habe. Es geht immer noch in kleinen Schritten vorwärts.“ Nebenher hat er mit seinem Freund und Kollegen Marcel Haremza eine Firma gegründet – als zweites golferisches Standbein. Die beiden vermarkten sich seit vier Jahren selbst, weil sie sich ein Management schlichtweg nicht leisten können. Ob es Günther jemals nach ganz oben schaffen wird, auf die Frage gibt es keine Antwort. Nur eines ist klar: Vorzuwerfen hat sich er sich am Ende sicher nichts.

Christian Fellner

DAS IST CHRISTOPH GÜNTHER
Geboren: 22. 07. 1975 in Göttingen
Wohnort: Oberammergau
Schulausbildung: Mittlere Reife
Berufsausbildung: Dipl. Golflehrer der PGA of
Germany, Tischler-Geselle
1998 – 2003: Golflehrer im GC Höslwang, Golf
Gleidingen, GC Hohenpähl
Seit 2003: Playing Professional
Aktuelle Tour: Challenge Tour
Sportliche Erfolge:
2011: 1. Tat Golf Classic (EPD Tour), 2. HDIGerling
German PGA Championship, 2. Internetworld.
de Open, 2. Platz Sueno Dunes Classic,
2. Schloss Moyland Golfresort Classic, 3. Land
Fleesensee Classic, 6. Al Maaden Classic, 7. Sueno
Pines Classic (alle EPD Tour), 19. Platz Austrian
Golf Open (European Tour)
Titleist German Order of Merit: 7.
2010: 1. VGD Golf-Team Championship Germany
mit Haremza, 3. Sueno Dunes Classic (EPD Tour),
5. Scottish Hydro (Challenge Tour), 5. Lyka Links
Classic, 6. Samanah Classic (beide EPD Tour)
Titleist German Order of Merit: 15.
2009: 1. Kärnten Golf Open (Challenge Tour), 1.
Doc Salbe Match Play PGA of Germany, 2. German
PGA Championship, 4. The Princess, 4. Egyptian
Open, 7. DHL Wroclaw Open (alle Challenge Tour)
2008: 1. Sueno Classic, 1. Licher Classics (EPD
Tour), 1. Platz German PGA Team Championship
mit Haremza, 2. Wörthsee Classics, 3. Brose Coburg
Open, 3. Stolper Heide Classics, 4. Heidelberg-
Lobenfeld Classics (alle EPD Tour), 4. German
PGA Championships, 5. Doc Salbe German
Match Play Championships, 4. Sports Frances
Open (Tour de las Americas)
Titleist German Order of Merit: 7.
www.projectgolfsports.com


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